• Europas größte Fahrradauswahl
    Editorial

    Die einflussreichsten Figuren der amerikanischen Fahrradgeschichte

    Sophia Willmes
    Sophia Willmes
    13. Sept. 2023 8 Min.
    Die einflussreichsten Figuren der amerikanischen Fahrradgeschichte

    buycycle wurde gerade in den USA gelauncht. Das bedeutet, dass der Marktplatz für Europas Bike-Community bald neue amerikanische Fahrradfreund:innen dazu gewinnt und wir können es kaum abwarten. Bedeutet aber auch, dass wir diese gebührend begrüßen wollen und auch unseren europäischen Bike-Buddies die Fahrradkultur aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten etwas näher bringen möchten. Deshalb steht heute ein Deep-Dive in die Geschichte und in die Gegenwart des amerikanischen Radsports an, in dem wir uns diejenigen genauer ansehen, die ihn maßgeblich geformt und weiterentwickelt haben. Gestatten: buycycles Hall of Fame der amerikanischen Fahrradkultur:

    1. Marshall Walter "Major" Taylor - Der Pionier

    Er war der erste Afroamerikaner, der jemals einen Weltmeistertitel in überhaupt irgendeiner Sportart gewann. Ganze sieben Male brach er Weltrekorde und das, obwohl jeder Tritt in die Pedale einen ewig mühsamen Widerstand gegen rassistische Vorurteile und Diskriminierung bedeutete. Mit gerade einmal 12 Jahren begann er 1890 in einem Fahrradladen in seiner Heimatstadt Indianapolis zu arbeiten, der ihm das Tor in die Radwelt öffnete. Wenig später schlug er bereits mehrere Spitzenamateure und 1895 gewann er sein erstes Langdistanzrennen.

    Seine Karriere ging also beachtlich los, brachte ihm viel Aufmerksamkeit, aber auch viel Hass. Als Schwarzem Sportler wurde ihm mehrmals die Teilnahme an Rennen verboten, wenn er an die Startlinie durfte, so war ihm dann doch allzuoft der Zugang zu Hotels und öffentlichen Plätzen verboten - "Whites only". Trotz des kräftezehrenden Ringens mit dem Rassismus, legte "Major" Taylor eine beeindruckende Laufbahn hin, gewann 42 von 57 Rennen, an denen er in Europa teilgenommen hatte, mehrere nationale Wettkämpfe im Sprinten in den USA und die Bahnradsport-Weltmeisterschaften von 1899. Auch nach modernen Standards ist und bleibt Taylor einer der begabtesten Radfahrer:innen der Geschichte und war der erste wichtige Pfeiler im anhaltenden Kampf gegen Rassismus im Radsport.

    2. Katherine "Kittie" Knox - Die Unbeirrbare

    Kittie ist nun schon zum zweiten Mal der Star eines unserer Blogartikel. Die talentierte Schneiderin (ihren "Bloomer"-Hosen haben wir zu verdanken, dass Frauen irgendwann nicht mehr in Kleidern radeln mussten) war eine der ersten Schwarzen Radsportlerinnen. Als solche hatte auch sie mit der in Amerika geltenden Rassentrennung und Diskriminierung zu kämpfen, dann auch noch Frau zu sein, machte das Ganze im 19. Jahrhundert nicht unbedingt einfacher.

    Spätestens ihrem Auftritt in der League of American Cyclists verdankt die begabte Sportlerin ihren Eingang in die Geschichte. 1893 war sie diesem überwiegend Weißen und männlichen Club beigetreten, bis ihr 1895 der Zutritt zum jährlichen Vereinstreff verweigert wurde. Trotz ihrer aktiven Mitgliedskarte habe sie als Schwarze Frau hier nichts mehr zu suchen, hieß es. Knox ließ das aber so nicht auf sich sitzen und beharrte auf ihr Zutrittsrecht. Ob sie sich damit auch durchsetzen konnte, ist tatsächlich nicht einheitlich überliefert. Dass sie ein nachhaltig bedeutendes Zeichen für Gleichberechtigung und Widerstand setzte, ist eindeutig.

    3. Gregory James LeMond - Das erste männliche gelbe Trikot für die USA

    Er gilt als einer der größten amerikanischen Rennradfahrer der Geschichte. "Greg" LeMond war immerhin der erste Amerikaner, der die Tour de France gewann. (Betonung aber auf AmerikanER - den ersten Tour Sieg bescherte nämlich Marianne Martin 1984 den USA in der "Grande Boucle Féminine", dem damaligen weiblichen Pendant zur Tour de France. Zwei Jahre vor ihrem männlichen Kollegen.)

    Nichtsdestotrotz ist LeMond ein Pionier des globalisierten Radsports der 90er Jahre: Er war der erste Fahrradfahrer auf dem Cover der renommierten Sports llustrated, der erste professionelle Radsportler, der einen Millionen-Vertrag mit seinem Team unterschrieb. Er gewann zweimal die Weltmeisterschaften im Straßenrennen und beeindruckende drei Mal die Tour de France. Und das, obwohl er nach seinem ersten Tour Sieg 1986 fast bei einem Jagdunfall gestorben wäre. In einem überraschenden Comeback bewies er jedoch zwei Jahre später sein Durchhaltevermögen, gewann ein zweites Mal die Tour und setzt sich seither vehement gegen Doping im Radsport ein.

    Connie Carpenter-Phinney und Rebecca Twigg bei Olympia 1984

    4. Connie Carpenter-Phinney - Die Überraschende

    Eigentlich war ihr eine Karriere als Eisschnellläuferin vorhergesagt. Mit gerade einmal 14 Jahren trat sie in Sapporo das erste Mal bei den Olympischen Spielen an und wurde Siebte beim Eisschnelllauf über 150 m. 1976 folgte der amerikanische Meisterschaftstitel und sicherlich hätte sie auch bei Olympia eine neue Glanzleistung erbracht... Bis ihr eine Knöchelverletzung einen grausamen Strich durch die Rechnung machte.

    Carpenter-Phinney stieg aufs Rad um, begann mit Cross-Racing und wandte sich schließlich vollends dem Radsport zu. Noch im Jahr ihrer Verletzung entschied sie erste nationale Meisterschaften in Bahn- und Straßenrennen für sich, 1984 gewann sie die erste amerikanische Goldmedaille im Olympischen Straßenrennen, als erste Radsportlerin überhaupt. Dieser Sieg schrieb Geschichte. Unter anderem, weil kaum ein Bild Sportsgeist so sehr verkörpert, wie das von ihr und ihrer Kollegin Rebecca Twigg: Unmittelbar nach Überqueren der Ziellinie, an der sie nur wenige Zentimeter trennten und von der keine der beiden sich sicher sein konnte, sie als Erste erreicht zu haben, legen sie noch auf dem Fahrrad die Arme umeinander.

    5. Rebecca Twigg - Die Rastlose

    Sie ist eine der fleißigsten und erfolgreichsten amerikanischen Radsportlerinnen. Die Hochbegabte begann bereits mit 14 Jahren an der University of Washington, IT zu studieren und sah Radfahren eher als Ablenkung zum Uni-Alltag an. Wohl fühlte sich die Jugendliche in den Hörsälen nämlich nicht. Sie radelte fürs Uni-Team, bis der berühmte Coach Edward Borysewicz sie für das Nationalteam anwarb. Noch im selben Jahr gewann sie das erste Mal die amerikanischen Meisterschaften im Straßenrennen.

    Auf diesen ersten nationalen Titel folgten über fast zwei Jahrzehnte hinweg sechs Weltmeisterschaftstitel in der Einerverfolgung, zwei olympische Medaillen im Straßenrennen und eine Bronzemedaille in der Bahn-Verfolgung. Als sie mit 25 Jahren jedoch stürzte und eine Kopfverletzung erlitt, verabschiedete sie sich zwischenzeitlich vom Radsport, beendete ihr Studium und arbeitete als Programmiererin. Doch auch nach ihrem endgültigen Austritt aus dem UCI-Kosmos, schien sie keinen rechten Zugang zum "normalen" Leben zu finden. Seit 2014 lebt sie obdachlos in Seattle.

    6. Lance Edward Armstrong - Der Unumgängliche

    Natürlich gehört er in diese Liste, er, der wie kaum ein anderer die moderne amerikanische Radkultur und das große Aufsehen um sie geformt hat. Mit 16 Jahren trat er das erste Mal bei einem Triathlon an, mit 21 startete er mit dem Motorola Team seine Karriere als professioneller Radsportler, mit 22 gewann er seine erste UCI Weltmeisterschaft und der Tour de France Sieg 1999 schlug ihn endgültig zum Ritter. Unübertroffene sieben Jahre hintereinander trug er das gelbe Trikot auf dem Siegerpodium.

    Dass das zu schön ist, um wahr zu sein, wissen wir mittlerweile. Bereits bei seiner ersten Tour de France wurde ihm die Nutzung von Doping-Mitteln vorgeworfen, 2012 konnte die USADA (United States Anti-Doping Agency) die Vorwürfe schließlich beweisen und Armstrong gab sein Doping später auch selbst zu. Konsequenterweise ist er seither von allen offiziellen Radsport-Events ausgeschlossen, musste Millionen an Strafen an die Vereinigten Staaten zahlen und sämtliche seiner Siege wurden ihm aberkannt.

    Heutzutage kümmert er sich vor allem um die 1997 gegründete Livestrong Foundation, die Krebserkrankten durch Hilfestellung und Aufklärung unterstützt. Armstrong selbst erhielt im Jahre 1996 die Diagnose eines fortgeschrittenen Hodenkrebses, damals wurden ihm kaum Überlebenschancen in Aussicht gestellt, was seine spektakulären Rückkehr in den Radsport drei Jahre später noch beeindruckender machte.

    7. Floyd Landis - Der Bergkönig

    Wenige haben die heutige Generation an Fahrer:innen so inspiriert wie er, immerhin ist er einer der vielseitigsten amerikanischen Radsportler. Floyd wuchs in einer mennonitischen Gemeinschaft auf, die sein Radfahren als unzüchtiges Hobby ansahen und es ihm verbieten oder zumindest weitestgehend erschweren wollten. Sein erstes Rennen absolvierte der Jugendliche in Sweatpants, weil Shorts in seiner Religion verboten waren und zum Trainieren musste er sich mitten in der Nacht in Eiseskälte aus dem Haus schleichen, um still und heimlich seine Runden auf dem Fahrrad drehen zu können.

    Landis wuchs zu einem der größten Athleten der Nullerjahre heran, spielte als Domestique von Lance Armstrong im U.S. Postal Team eine Schlüsselrolle für dessen Tour de France Siege, bis er 2006 selber die Tour gewinnen und als Sieger über die Champs Elysées fahren konnte. Er war der König der Berge, ein Ass im Zeitfahren und auf Abfahrten technisch begabt wie kaum ein anderer, kurz: Ein perfekter Allrounder. Sein Tour de France Titel wurde ihm jedoch abgesprochen, nachdem bewiesen wurde, dass er unter dem Einfluss von Doping-Mitteln gestanden hatte.

    8. Tyler Hamilton - Der Monumentale

    Er ist der einzige Amerikaner, der je eines der fünf Monumente des Radsports für sich entscheiden konnte. 2003 gewann er "La Doyenne", das älteste der Monumente, das Eintagesrennen Lüttich-Bastogne-Lüttich. Es war ein Höhepunkt seiner Karriere, auch, weil er bei diesem topographisch höchst anspruchsvollen Wettbewerb sein beeindruckendes Talent im Klettern noch einmal unter Beweis stellen konnte.

    Als begabter Kletterer, aber auch als hervorragender Zeitfahrer fuhr er lange Zeit an der Seite von Armstrong im U.S. Postal Team und diente diesem als wichtiger Helfer auf dem Weg zum gelben Trikot. 2004 gewann Hamilton Gold im Zeitfahren bei den Olympischen Sommerspielen und auch, wenn ein erster Doping-Test positiv ausfiel, konnte ihm aufgrund einer fehlenden B-Probe kein Fehlverhalten nachgewiesen werden.

    9. Ayesha McGowan - Die Wegweisende

    Seit Jahren setzt sich McGowan für bessere Sichtbarkeit von Schwarzen Frauen in der Fahrradindustrie ein, fordert und unterstützt Vielfalt und Gleichberechtigung. Das tut sie nicht nur in Sportteams, sondern auch hinter den Kulissen von Events, Vereinen, Fahrradherstellern und in der medialen Berichterstattung.

    Das erste Mal stieg sie als Studentin des Berklee College of Music aufs Fahrrad, um in Boston einfacher von einem Kurs zum nächsten kommen zu können. Sie arbeitete nach dem Abschluss in Kitas und gab privat Musikunterricht. Solange, bis sie 2014 den Sprung in den Radsport wagte: Ihr Debüt feierte sie beim Red Hook Criterium in Brooklyn, der ersten Edition des Rennens, das Männer und Frauen getrennt antreten ließ. Noch im selben Jahr gewann sie die New York State Criterium Championships mit erstaunlichen Attacken, die ihr nicht nur das "Most Inspirational"-Trikot, sondern auch beachtliche mediale Aufmerksamkeit bescherten.

    Heute ist McGowan professionelle Rennradfahrerin im Liv Racing Team, als erste Afroamerikanerin überhaupt in einem professionellen Radsportteam. Sie ist vor allem für die junge weibliche Radszene ein bestärkendes und inspirierendes Vorbild.

    10. Justin Williams - Der Unaufhaltbare

    Ihm verdanken wir halsbrecherische Crit-Performances und eines der spannendsten amerikanischen Teams. Seit 2019 setzt sich die gemeinsam mit seinem Bruder Cory gegründete L39ION of Los Angeles für mehr Inklusion und Repräsentation im Radsport ein und engagiert sich aktiv für den Nachwuchs. Auch, weil der in South Central Los Angeles aufgewachsene Williams weiß, dass jungen Schwarzen Männern in seiner Gegend nicht viele Möglichkeiten geboten werden. Fahrradfahren sieht er als Chance an, dem Konflikt mit rassistischen Gesetzeshüter:innen zu entkommen.

    Mit 13 Jahren stieg Williams mit seinem Vater, einem Amateurrennfahrer, das erste Mal aufs Fahrrad und entdeckte so seine große Leidenschaft. Als begeisterter Bahnrennfahrer gewann er früh mehrere nationale Meisterschaften und wurde 2006 ins Nationalteam aufgenommen. Mit diesem fuhr er auch Rennen in Europa, schied aber danach mehrere Jahre aus dem UCI-Kosmos aus. Stattdessen kam 2016 die Rückkehr in seine liebste Disziplin: ins Kriterium-Rennen. Ganze 16 Siege sahnte er in seinem ersten Jahr zurück ab und sein Legion Team ist auch heute noch ungeschlagener Champion dieser Szene. Bicycling Magazine nannte Williams nicht umsonst 2021 den wichtigsten Radrennfahrer der Welt.

    Dass noch viel mehr, als nur diese zehn beeindruckenden Persönlichkeiten dafür verantwortlich sind, wie die amerikanische Radkultur heutzutage lebt, atmet und radelt, ist natürlich klar. Dennoch ist dieser Post ein guter Start, um diese Szene besser zu verstehen und auch, um die ein oder andere Idee auch in Europa mal etwas besser zu verfolgen...
    Wir freuen uns jedenfalls riesig auf das neue Abenteuer in den USA und sind gespannt, wie sich der dortige Radsport weiter entwickelt. Bei Fragen rund um Armstrong, Taylor, McGowan & Co. könnt ihr euch natürlich jederzeit an unser Team wenden und für alles rund ums Thema Fahrrad stöbert ihr am Besten einmal durch den Blog. Wir wünschen euch erst einmal, wie immer: Happy browsing, happy cycling. In den USA und in Europa.